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PAKISTAN: EHEMALIGER NESTLÉ-MITARBEITER PACKT AUS

Pakistan hat den Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten in die nationale Gesetzgebung (2003) implementiert. Die Babynahrungsindustrie, besonders Nestlé sträubt sich gegen die neuen Gesetze in Pakistan und versucht die Ausführungsbestimmungen abzuschwächen. Das Gesetz übernimmt nicht alle Bestimmungen des Internationalen Kodex aber es ist ein brauchbarer Anfang für Pakistan. Dies ist in hohem Maße den Enthüllungen und dem couragierten Standhalten des ehemaligen Nestlé angestellten Syed Aamar Raza zu verdanken.

Raza hat wichtige Interna der Geschäftspraktiken und Werbemethoden des Konzerns nach seinem Ausscheiden 1999 der internationalen Öffentlichkeit enthüllt.

Bei Nestlé gilt er als Nestbeschmutzer und Raza hat seitdem seine Frau und seine kleinen Kinder nicht wiedergesehen, weil er Angst haben muss, nach Pakistan zurückzukehren.

Die Geschichte von Razas Enthüllungen ist im Folgenden dokumentiert:


Pakistan (Deutschland zum Vergleich): südasiatische islamische Republik, nordwestlich von Indien, südöstlich von Afghanistan gelegen; Hauptstadt: Islamabad
Einwohner: 133,5 Millionen (81,9 Mill.)
Sprachen: Urdu (Amtssprache) 7,6%, Pandschabi 50,6%, Sindhi 21,6%, Paschtu 15%, Balutschi 3%, Brahui 1,5%, sonstige Sprachen, Englisch verbreitet

Geburtenrate: 3,9% (1,0%)
Säuglingssterblichkeit: 9,5% (0,5%)
Kindersterblichkeit: 13,6% (0,6%)
Analphabetenrate: 62% (< 5%)


Stillen - auch in Pakistan eine sterbende Kultur

Entgegen der offiziellen Aussage im Land "Aber alle stillen doch" stellt der UNICEF-Report Zur Situation der Kinder in der Welt 1998 fest, dass die ausschließliche Stillrate am Ende des dritten Monats bei 16% liegt (in Deutschland wird diese zur Zeit auf etwa 30% geschätzt - Unterlagen hierzu gibt es nicht). Verantwortlich hierfür - wie in allen anderen Ländern der Welt - zeichnen die aggressiven und subtilen Vermarktungsstrategien der Hersteller und Vertreiber von Muttermilchersatzprodukten.

Erstmals macht ein ehemaliger Mitarbeiter der Nestlé Milkpak Pakistan, Syed Aamar Raza, die Auswirkungen westlicher Aktienhalterinteressen auf die Säuglingsgesundheit in diesem Land öffentlich. Sowohl Kennzeichen D (ZDF, 8. Dezember 1999, kurzfristig abgesetzt, s. u.) wie auch der STERN (9. Dezember 1999, Babynahrung: Todbringende Rezeptschlacht) dokumentieren dieses für die deutsche Öffentlichkeit.

 

Am Eingang eines der größten Krankenhäuser in Pakistan:
Nestlé versorgt die Tee-Clubs der Ärzteschaft regelmäßig mit
Tee-Weißer und erinnert sie an ihre Größe

Knapp zweieinhalb Jahre (3.12.94 bis 30.4.97) ist der Zeuge als "medizinischer Beauftragter" (medical delegate) für Nestlé Pakistan tätig gewesen, bis ihm durch folgendes Ereignis die Augen über das, was er durch seine Arbeit täglich bewirkt, geöffnet wurden:
"Während eines Routine-Besuches bei einem Arzt in Sialkot wurde ein schwerkrankes Kind mit chronischer Diarrhöe und extremer Austrocknung des Körpers in die Klinik eingeliefert. Der Arzt versuchte sein möglichstes, doch das Kind starb. Die Krankenakte legte offen, dass dieses vier Monate alte Baby während des ersten Lebensmonats gestillt worden war, dann aber vom Hausarzt auf Flaschenmilch gesetzt wurde. Der Hausarzt hatte die Mutter 'überzeugt', dass die Flaschenmilch dem Baby helfen würde, schneller zuzunehmen, gesünder und runder zu werden. Ihr wurde ebenso gesagt, dass sie das Stillen einstellen solle, weil ihre Milch für den Säugling nicht geeignet wäre. Das Baby wurde flaschengefüttert und litt in den letzten zwei Monaten an Diarrhöe. Während der nächsten Monate klärte mich der Arzt in Sialkot darüber auf, wie Flaschenfütterung das Leben tausender Kinder in Pakistan bedroht. Ich, Vater von zwei Kindern, verstand die Rolle, die ich in diesem kriminellen Spiel spielte, und entschloss mich meinen Job hinzuschmeißen."

David versucht sich gegen Goliath

Sechs Monate später (12.11.97) ließ der Zeuge seinem früheren Arbeitgeber eine rechtliche Note zustellen: "Diese Note wird Ihnen zugestellt, um ein Schlaglicht auf die unethischen und unprofessionellen Machenschaften zu werfen, die Nestlé Milkpak Ltd. gewählt hat, um seine Säuglingsnahrung beim Gesundheitspersonal zu vermarkten." Dieser Note waren fast 80 Seiten Beweise über die unethischen Marketingpraktiken und über die gezielten Übertretungen des Internationalen Kodex der WHO beigelegt. Diese Beweise hatte er während seiner alltäglichen Arbeit sammeln können. Der Zeuge verlangte, dass die Firma "die Herstellung von Säuglingsnahrung in Pakistan einstellt und alle Säuglingsnahrungsprodukte innerhalb von 15 Tagen nach Erhalt dieser rechtlichen Note vom pakistanischen Markt nimmt." Ebenso forderte er Nestlé auf, in der gleichen Frist "die Dienste der Mitarbeiter einzustellen, die in nicht-professionellen und unethischen Praktiken der Werbung und des Verkaufs von Säuglingsnahrung tätig sind." Er verlangte darüber hinaus, dass der Konzern sich endlich dem Internationalen Kodex gemäß verhalte.

Erst Bestechungsversuche, dann ...

Eine Nestlé-Abordnung suchte daraufhin den mit dem Zeugen befreundeten Arzt in Sialkot auf und führte mit ihm eine Unterredung mit dem Ziel, den Zeugen zur Rücknahme seiner rechtlichen Note zu bewegen. Gegenüber dem Arzt machte die Abordnung deutlich, dass sich ihre "Bemühungen" auf jeden erstrecken würden, der mit dem Zeugen in Beziehung stehe. Nachdem Versuche gescheitert waren, indirekt Kontakt zu Herrn Raza herzustellen, wurde dieser unter einem Vorwand zu einem Treffen in ein Büro eines "nestléfreundlichen" Arztes gelockt.

Gratislieferungen von Nestlé an ein staatliches Krankenhaus in Rawalpindi


Für Nestlé nahmen an diesem Treffen Ashfaq H. Zahid (Group Brand Manager [GBM], Chef der Nestlé-Abteilung Säuglingsnahrung und Getreidekost, Pakistan) und Amir Ikram (Area Detailing Executive [ADE], Distriktmanager, zuständig für den Distrikt, in dem der Zeuge im Auftrag Nestlés tätig war und dessen direkter Vorgesetzter) teil. Ashfaq H. Zahid machte in diesem Gespräch dem Zeugen klar, dass "Nestlé ein dermaßen gigantisches Unternehmen sei, dem ich keinen Schaden zufügen könne. Er bat mich meine Note zurückzuziehen und sagte, dass, falls die Interessen des Unternehmens Schaden nähmen, ich mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen hätte. Er erinnerte mich daran, dass Nestlé ein multinationaler Konzern sei, und über ausreichend Geld verfüge mir alles denkbare anzutun. Amir Ikram bot mir jede Summe Geldes, die ich mir wünschte. Aber ich nahm nicht an."
Nach Ablauf der vom Zeugen in seiner rechtlichen Note gesetzten Frist von 15 Tagen kündigte er dem Konzern seine Absicht an, in einer Pressekonferenz sein Wissen über das "schlechte Geschäftsgebaren und die unethischen Maßstäbe" der Öffentlichkeit preiszugeben. Erst zu diesem Zeitpunkt (2.12.97) sah Nestlé sich veranlasst offiziell zu dem vom Zeugen zugestellten Rechtsdokument Stellung zu nehmen. Nestlés Anwalt, Azeem Naqvi, bestritt "alle nachteiligen Behauptungen" und stellte diese als "Tatsachenverdrehungen, bösartig und hinterhältige Erwägungen" dar. Solle der Zeuge es wagen, an die Öffentlichkeit zu gehen, werde er von Nestlé entsprechend pakistanischem Gesetz wegen Verleumdung und Vertrauensbruch vor Gericht gestellt werden.

Nachdem der Zeuge mit Unterstützung der AGB und der Partnergruppe in Deutschland begann, über verschiedene Medien (STERN, ZDF-Magazin Kennzeichen D) sein Wissen öffentlich zu machen, startete der Konzern am 7.12.99 eine Verleumdungskampagne gegen den Zeugen, deren weiteren Verlauf Sie dem Stand der Entwicklung entsprechend verfolgen können.

Milking Profits - Profite ausmelken
[Die folgenden Dokumente und Beweise für die Marketingpraktiken Nestlés in Pakistan sind in dem am 9. Dezember 1999 auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellten Report "Milking Profits How Nestlé puts sales ahead of infant health" (Hrsg. TheNetwork, Islamabad Dezember 1999) nachzulesen.]

Um das abgestufte, Nestlé-eigene System von Bestechungsgeldern und Anreizen im pakistanischen Gesundheitssystem zu illustrieren, haben wir nur zwei Beispiele aus den 80 Seiten herausgepickt, die der Zeuge seinerzeit dem Konzern als Anlage zu seiner rechtlichen Note zustellen ließ.

Am 9. April 1996 schrieb Aamar seinen Vorgesetzten Amir Ikram (ADE) um Unterstützung an (untenstehendes Dokument).

   

Er führte aus, dass er "gebeten worden sei, eine Klimaanlage für einen Arzt, der Spezialist für Kinderkrankheiten am DHQ Hospital in Sialkot ist und gleichzeitig eine Privatpraxis betreibt, finanziell zu unterstützen (zu sponsorn)". Er schrieb, dass er dem Arzt gesagt habe, dass er zunächst seine Vorgesetzten fragen müsse, "ob eine solche Politik von Sponsorship bestehe oder nicht." Dieser Vorgesetzte wandte sich an den GBM Ashfaq H. Zahid (im Dokument unten rechts): "Sehr geehrter Herr, wie Sie wissen, ist er ein Bezirkskinderarzt. Wir haben direkt mit ihm gesprochen. Ich empfehle nachdrücklich 10,000 Rupien anstelle des vollen Betrages, der etwa 20,000 Rupien ausmacht. Die Differenz wird sicher durch irgendein Pharmaunternehmen gesponsort werden." Zahids Antwort (im Dokument unten links) an Aamar lautete: "Aamar, ok, aber die Umsätze von Nan und al 110 müssen 'raufgehen."

Ein Militärarzt an einem auch der Öffentlichkeit zugänglichen Militärhospital in Sialkot forderte am 5. Juli 1996 finanzielle Unterstützung von Nestlé für zwei Klimaanlagen "für das Wohlbefinden/die bessere Pflege der Patienten" an. Wiederum leitete Aamar diese Anfrage an seinen Vorgesetzten weiter.

Bevor jedoch das Geld fließen konnte, musste der bittstellende Arzt einen Loyalitätsbeweis gegenüber Nestlé erbringen. Im August 1996 hatte der Zeuge nahezu ein Monopol über das Militärhospital erarbeitet, und der zuständige Manager (Field Operations Executive) schrieb Aamar einen Brief der Anerkennung für seine Leistung, der als vorbildlich in Kopie an das Nestlé-Management und alle zuständigen Distrikt-Manager verteilt wurde (s. u.).

Um seine Loyalität zu beweisen, gab der Militärarzt am 16. September in einem dringlichen Rundschreiben bekannt,Klimaanlage 2 dass in der Kinder-Abteilung des Krankenhauses

















































nur noch Nestlé-Produkte zum Einsatz zu kommen haben. Im Anschluss konnte dann das Geld für eine Klimaanlage fließen. Der Zeuge bekam dann jedoch Schwierigkeiten, einen Nachweis über die geflossene Summe beizubringen: "Meine Vorgesetzten verlangten von mir, Ihnen eine Quittung über den Kauf der Klimaanlage (24,825 Rupien) vorzulegen, damit sie das Geld anweisen konnten. Ich konnte niemanden finden, der mir eine fingierte Quittung über eine solch große Summe ausstellen wollte. Als ich mich mit diesem Problem an den Arzt wandte, erwiderte er, das sei kein Problem und er wolle sich darum kümmern. Er rief einen Freund an und bat um eine Blanko-Quittung. Ich holte die Blanko-Quittung mit dem offiziellen Stempel seiner Firma im Haus dieses Freundes ab, trug sie zurück zum Arzt, der sie über 24,825 Rupien für ein Krankenhausbett ausstellte (Krankenhausbetten gehören nicht zum Angebot dieser Firma)."

Durch die ausgeprägte Konkurrenzsituation unter den "medizinischen Beauftragten" legt der Konzern großen Wert auf die Schaffung von Team-Geist und auf das gemeinsame Ziel der wachsenden Absätze als ein Dienst an den Säuglingen Pakistans. Die Verkaufsflotte wird als "medizinische Beauftragte" bezeichnet, um in einem einzigen Handstreich deutlich zu machen, dass der Bereich Säuglingsnahrung medikalisiert und die Verkaufsflotte über das Ansehen ordinärer Handelsreisender erhoben wird. Durch die Bezeichnung die medical delegates als "Tiger" soll der Verkaufsförderung zusätzlich eine aggressive Note verliehen werden.

Nestlé ist großzügig mit Lob, wo es angebracht ist, und mit moralischer Aufrüstung, wo es nötig ist: "Ihr macht einen guten Job. Weiter so mit gleicher Geschwindigkeit und Hingabe." Eine weitere Verkaufsziel-Note besagt: "Dieses sind Eure Ziele für den Monat März 96. Der Ball ist im 'Spiel'. Jetzt ist die Zeit Euch zu beweisen. Es gibt keine Lieferengpässe und jegliche Unterstützung ist mit Euch." Unterstützung meint hier: Geschenke, Ausstattungsgegenstände und finanzielle Anreize für die Kundschaft.

Folgerichtig wurde dann auf der jährlich im Januar/Februar stattfindenden nationalen Verkaufskonferenz der erfolgreichste "Tiger" des Jahres gekürt.

Bewertung

Besonders das erste der zwei gezeigten Dokumente macht deutlich, dass der Nestlé-Konzern in Pakistan eine hierarchisch abgestufte Strategie der Bestechung von medizinischem Personal institutionalisiert hat. Über Beträge bis zu 10,000 Rupien dürfen die "Medical Delegates" (unterste Stufe der Hierarchie) eigenständig entscheiden, Beträge darüber müssen mit dem nächst höheren Vorgesetzten (ADE, Distriktmanager) abgestimmt werden, die bei nicht eindeutiger Interessenlage (bekannter, guter "Kunde"?, neuer "Kunde"?) wiederum bei ihrem Vorgesetzten nachfragen, ob eine bestimmte Summe als Kaufanreiz zur Verfügung gestellt werden darf. Ebenso müssen "unsichere" Kandidaten auf Seiten der Kundschaft zunächst einen Beweis für ihre Vertrauenswürdigkeit für die Nestléschen Zuwendungen erbringen (Dokument 2).
 

Entsprechend werden die Ausführenden bei erfolgreich durchgeführter Aktion und der daraus folgenden Absatzsteigerung im Nestlé-System ausgezeichnet. Der Zeuge erhält neben mündlicher Belobigung seine Auszeichnung auch schriftlich. Bereits im August 1996, noch bevor der Kinderarzt durch sein September-Rundschreiben die Rate ein weiteres Mal erhöht, erhält Aamar Raza wegen seines "Verkaufserfolges" im besagten Militärhospital eine schriftliche Belobigung (nebenstehend): "Gut gemacht Amir (...) Ihre Hingabe macht Sie zum besten im Markt. Weiter so."

Das nebenstehende Schreiben stammt von einem der zwei für Nestlé in Pakistan tätigen Field Operation Executives, Amjad Hussain. Diese stehen in der Nestlé-Hierarchie in Pakistan nach dem Group Brand Manager und dem Brand Manager an dritter Stelle. Die im Schreiben gemachten Aussagen kommen somit direkt aus dem gehobenen Management von Nestlé und belegen die hausinterne Organisationsstruktur von Bestechungsstrategien zur Absatzerhöhung. Dieses Schreiben wurde - als Vorbild und Anreiz - an den Group Brand Manager, dessen Assistenten (Brand Manager) sowie alle ADEs im Lande verteilt.

Die weitere Entwicklung

Nestlé wurde sofort nach Bekanntwerden der laufenden Recherchen und der beabsichtigten Ausstrahlung eines Beitrags über Nestlé in Pakistan im ZDF tätig: Nestlé-Sprecher Francois-Xaver Perroud wurde am Tag der geplanten Ausstrahlung im ZDF (8.12.99, 22:25 Uhr, Babynahrung - Geschäft mit Todesfolge) von der Nestlé-Zentrale in der Schweiz ins ZDF-Studio nach Berlin eingeflogen, um sich zu den Vorwürfen zu äußern.

Perroud stritt dabei alle (wohlgemerkt in Milking Profits belegten, s. o.) Vorwürfe rundweg und kategorisch ab und behauptete, der Zeuge habe versucht, den Nestlé-Konzern in Pakistan um ein Schweigegeld zu erpressen. Davon gäbe es eine Tonbandaufzeichnung. Das ZDF bat im Hinblick auf die Sendung an diesem Abend das Band vorzulegen, was Perroud mit der Behauptung, das Band läge in einem Safe in Pakistan, ablehnte. Stattdessen trage er eine Abschrift dieses Mitschnittes in seiner Tasche, dessen Offenlegung er aber ebenso verweigerte. Stattdessen überzog er die anwesenden Autoren des ZDF-Beitrages mit einer Schimpftirade, deren Inhalt aus Rücksicht auf die von Perroud eingesetzten Ausdrücke hier nicht widergegeben wird.

"Als Perroud sieht, dass seine Intervention in Berlin keinen Erfolg hat, jettet er umgehend in die Mainzer ZDF-Sendezentrale", so die Berliner Zeitung am 10.12.99. Dort legt er dem ZDF-Justitiar eine Transskription der angeblichen Erpressung vor. "Unbeglaubigt", wie Perroud der Berliner Zeitung gegenüber bestätigt. Die Sendung wurde abgesetzt, obwohl sie sogar weiterhin im Vorabendprogramm und auf der ZDF-Website am 8.12.99 noch um 21:08 Uhr angekündigt wurde. Am Vortag hatte das ZDF diesen Beitrag auch per Pressemitteilung angekündigt.

Vorläufiges Fazit: Die Nestlé-Strategie der Verunglimpfung des Gegners und damit der Ablenkung vom eigentlichen Thema, dem massiven Bruch des Internationalen Kodex durch Nestlé in Pakistan, ist wieder einmal aufgegangen. Vorläufig! Perroud hat dem ZDF zu diesem Zeitpunkt weder eine einstweilige Verfügung eines deutschen Gerichtes noch das angebliche Beweisstück vorgelegt. Das ZDF setzt den Beitrag trotzdem ab. "Alle Macht den Konzernen"?! Die Betroffenen sowie die Öffentlichkeit warteten vergeblich auf die von Kennzeichen D-Leiter Olaf Buhl ebenfalls in der Berliner Zeitung angekündigte Ausstrahlung des Beitrages im Januar 2000 und darüber hinaus bis zur Einstellung des Magazins durch das ZDF.

Zum Vorwurf des Erpressungsversuches

Der Vorwurf der Erpressung wird erstmalig im März/April 1998 von Nestlé Milkpak Pakistan bezüglich Aamar Raza in einem Schreiben an das pakistanische Gesundheitsministerium genannt. Dieses Schreiben ist eine Reaktion Nestlés auf die Veröffentlichung des pakistanischen Reports "Feeding Fiasco" über die Kodex-Verstöße von Herstellern in Pakistan durch TheNetwork.

Der Faden wird von Denise Kennedy, Nestlé UK, in einem Antwortschreiben an eine/n Beschwerdeführer/in über das Verhalten Nestlés in Pakistan aufgegriffen. In diesem Schreiben vom 30. Dezember 1998 heißt es: "Sie beziehen sich in Ihren Anmerkungen auch auf einen früheren Nestlé-Mitarbeiter. Sie sollten wissen, dass die betreffende Person versucht hat, die Firma zu erpressen und ihm gedroht wurde, dass rechtliche Schritte rechtzeitig vor seinen Veröffentlichungen gegen ihn eingeleitet werden."

Auf dieses Schreiben hin fragt Mike Brady von unserer Partnergruppe Baby Milk Action erstmals am 3. März 1999 bei Denise Kennedy an, ob der von ihr erhobene Erpressungsvorwurf sich auf den einzigen in "Feeding Fiasco" genannten ehemaligen Nestlé-Mitarbeiter Syed Aamar Raza beziehe? Dieser hatte zum pakistanischen Report ein kurzes Editorial verfasst. Mike Brady abschließend: "Bitte, nehmen Sie umgehend Kontakt mit mir auf, weil wir diese Angelegenheit mit den Verfassern von Feeding Fiasco besprechen wollen."

Am 22. März fasst Mike Brady nach: "Ich unterstelle, dass sich Ihre Anschuldigungen auf Syed Aamar Raza beziehen, da Sie auf meinen Brief vom 3. März nicht geantwortet haben, um mich besser zu informieren. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir die folgenden Fragen beantworten könnten:

  • 1. Welche Beweise haben Sie, um den Vorwurf, dass Syed Aamar Raza versucht haben soll Nestlé zu erpressen, zu belegen? Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie eindeutige Dokumente vorlegen könnten.
  • 2. Welche Behauptungen in dem Report Feeding Fiasco bringen Sie in Zusammenhang mit Syed Aamar Raza und können Sie Beweise vorlegen, dass diese Behauptungen falsch wären?
  • 3. Sie behaupten, dass der in Frage stehenden Person mit rechtlichen Konsequenzen gedroht wurde, bevor diese ihre Anschuldigungen öffentlich machen konnte. Sind seit der Veröffentlichung von Feeding Fiasco rechtliche Schritte gegen Syed Aamar Raza eingeleitet worden? Falls ja, welcher Art sind diese und auf welcher Stufe befinden sie sich? Falls Nestlé keine rechtlichen Maßnahmen ergriffen hat, warum nicht?"

Schließlich (13.10.99) wendet sich Mike Brady an den damaligen Nestlé-Chef UK, Peter Blackburn, direkt: "...Ms. Kennedy hat unterstellt, dass ein früherer Mitarbeiter in Pakistan 'versucht hat, die Firma zu erpressen'. Ich habe bereits zweimal an Ms. Kennedy mit der Bitte geschrieben, diese schwerwiegenden und verleumderischen Aussagen zu belegen, und sie hat noch nicht einmal den Empfang bestätigt, obwohl diese als Einschreiben geschickt worden waren. Ich wäre dankbar, wenn Sie sie veranlassen könnten, entweder ihre Aussage zu untermauern oder eine Entschuldigung und Richtigstellung abzugeben."

Zu keinem dieser drei Briefe liegt bis heute eine Antwort vor.

Stattdessen erscheint Francois-Xaver Perroud beim ZDF in Berlin mit einer Wiederholung dieser Aussage, belegt diese aber wiederum nicht.

In Deutschland stellt Raza am 9.12.99 mit Unterstützung der AGB und Baby Milk Action (UK) in einer Pressekonferenz den Report "Milking Profits" der Öffentlichkeit vor. Dieser Report befasst sich auf der Grundlage zahlreicher Dokumente ausschließlich mit den Kodexverstößen Nestlés in Pakistan. Am gleichen Tag erscheint das Magazin STERN mit einem Bericht über diese Problematik. Tags zuvor (8.12.) sollte ein Beitrag über aggressive Vermarktungspraktiken Nestlés im ZDF (Kennzeichen D) gesendet werden, der aufgrund der Erpressungsvorwürfe Nestlés - ohne Vorlage der eigentlich im deutschen Pressewesen bei solchen Vorgängen üblichen einstweiligen Verfügung - gestoppt wurde. Diese Thematik wurde daraufhin in der Berliner Zeitung vom 9.12., im SPIEGEL vom 13.12., im Guardian (UK) vom 13.12., in dimanche.ch vom 19.12. und in facts vom 23.12. (beide Schweiz) aufgegriffen.

In Deutschland hat Aamar Raza während seines Aufenthalts insgesamt mit drei eidesstattlichen Versicherungen (zwei für ZDF/Kennzeichen D, eine für den STERN) bezeugt, dass er niemals nur auch versucht hat Nestlé zu erpressen. Selbst auf diese eidesstattlichen Versicherungen hin, mit der Syed Aamar Raza als Person das Risiko eingegangen ist, auch persönlich juristische Verantwortung übernehmen zu müssen, erfolgte seitens Nestlés nach dem Kenntnisstand der AGB keine Anzeige gegen Raza.

Es gibt nach Ansicht der AGB nur zwei Möglichkeiten: entweder die Vorwürfe Nestlés sind in keinem Fall juristisch zweifelsfrei zu belegen, dann hat Nestlé - wieder einmal - gelogen. Oder aber Syed Amar Raza hat falsche eidesstattliche Versicherungen abgegeben und damit gegenüber IBFAN bzw. der AGB falsche Aussagen gemacht. Die Betroffenen warten weiterhin auf die gerichtliche Aufklärung aller Vorwürfe. Aber wie es vor oder nach der Veröffentlichung von Feeding Fiasco in Pakistan und anschließend weltweit keine juristischen Anstrengungen des Konzerns gegen den von ihm als Erpresser bezeichneten gegeben hat, wie die Veröffentlichung im STERN ohne juristische Konsequenzen geblieben ist - auch dort gab es von Seiten Nestlés Drohgebärden - , wie die von Raza begleiteten Veröffentlichungen von Milking Profits in Großbritannien und Kanada ohne eingelegte Rechtsmittel seitens des Konzerns blieben und wie der Bericht über die Vorgänge in Pakistan, der einen Großteil der gegenüber dem Konzern vorgetragenen Vorwürfe im europäischen Parlament ausmachte, keine Reaktionen Nestlés nach sich zog, muss mittlerweile davon ausgegangen werden, dass der Konzern sich mit dem erreichten Erfolg, der Verhinderung der Fernseh-Ausstrahlung in Deutschland, zufrieden gibt.

Einzig das ZDF hat sich von den Drohgebärden des Nestlé-Vertreters - wohlgemerkt ohne juristische Handhabe - sowie der Hinhaltetaktik des Konzerns dazu bewegen lassen, den fertigen Beitrag niemals auszustrahlen.

SPIEGEL Nr. 50/13.12.99